„Wissen schützt!“ Dieser Gedanke kam am Ende des Tages, der der Präventionsschulung zum Thema Grenzverletzungen am 16. Mai 2026 im Mariapolizentrum Wien gewidmet war. Rund 50 Personen waren der Einladung gefolgt, um sich mit der Thematik rund um Grenzverletzungen und Übergriffe sowie Formen von Missbrauch und Gewalt auseinanderzusetzen.
Ein hochkarätiges Referententeam mit Ärztinnen und Therapeut*innen begleitete die Teilnehmenden an diesem Tag und bot hilfreiche Fachkenntnisse und ein interaktives, erlebnisreiches Lernen. Während die Impulsvorträge Einblick gaben in den Themenbereich, konnte das Gehörte gleich in gestellten Szenarien angewandt und geübt werden.
Nähe ohne Grenzen?
Ausgangspunkt für diese Veranstaltung war die Frage: „Wie kann Nähe gelebt werden, ohne Grenzen bei meinem Gegenüber zu überschreiten?“ Schließlich ist „Gelebte Nähe – Gottes Stil“ ja weiterhin das Jahresthema in der Fokolar-Bewegung. Wie verhält man sich, wenn Nähe als „Zuviel“ oder gar übergriffig empfunden wird?
Die fachlichen Ausführungen der Referent*innen gaben hilfreiche Antworten:
Entscheidend für jede Situation ist erst einmal, sich seiner eigenen Grenzen bewusst zu sein. Sie haben etwas zu tun mit unseren Werten, Überzeugungen und Einstellungen. Manchmal bergen sie die Gefahr, dass sie einen einengen. Umso tröstlicher ist die Gewissheit, dass sie erweiterbar, ja sogar veränderbar sind – wenn man sich dafür entscheidet! Grundsätzlich dienen unsere persönlichen Grenzen unserem Schutz. Gleichzeitig ist es wichtig, sich immer wieder zu hinterfragen, wo einem die eigenen Grenzen guttun oder ob sie auch Nachteile bringen.
In der alltäglichen Kommunikation geschieht es schnell, dass Grenzen verletzt werden. In praktischen Übungen und Beispielen zeigten die Referent*innen auf, wie man hier wertschätzend reagieren kann.
Grenzen setzten ist notwenig
Genauso wichtig ist es auch, klare Grenzen zu definieren und durchzusetzen! Körperliche und emotionale Signale (Bauchgefühl, plötzlicher Ärger, Angst, Anspannung, Abwehrreaktion) lassen einen eine Grenzüberschreitung erkennen und sind Ausgangspunkt für das weitere Verhalten. Während Grenzüberschreitungen unabsichtlich geschehen, sind Übergriffe absichtlich und gezielt herbeigeführt.
Ein weiteres Referat beleuchtete die Theorie zu Gewalt und Aggression sowie Ausdrucksformen von psychischer Gewalt, Mobbing und Manipulation.
Grenzen setzen muss gelernt sein
Während am Vormittag vorwiegend fachliche Inhalte am Programm standen, ging es am Nachmittag in den Gruppen ans Üben. In Rollenspielen konnten wir erleben, wie es gelingt, sich abzugrenzen. Schließlich ist es ein wichtiges Instrument der Selbstachtung, Grenzen zu setzen! Erst im Bewusstsein des eigenen Selbstwertes gelingt es, sich ohne falsches Pflichtgefühl um andere zu kümmern.
Mehrmals haben die Referent*innen betont, dass Abgrenzung ein Lernprozess ist, der mit der Zeit sehr viel einfacher wird und sich auch ganz selbstverständlich anfühlen kann. „Herzlosigkeit“ ist damit nicht gemeint, sondern bewusste Zeichensetzung auf dem Weg zu einem wertschätzenden und respektvollen Miteinander.
Angeregte Gespräche in den Murmelgruppen, Pausen und selbst am Ende des Tages waren der Beweis dafür, dass die angesprochenen Inhalte ein sehr sensibles Thema aufgegriffen haben.


Ein Beitrag von Elisabeth Pohl.