
Das 35-jährige Bestehen der „Wirtschaft in Gemeinschaft“ bot Gelegenheit, das Netzwerk zu stärken.
Den Impuls zur „Wirtschaft in Gemeinschaft“ (WiG) hatte Chiara Lubich vor 35 Jahren in Brasilien gegeben. Als eines ihrer wesentlichen Kennzeichen hat sich seitdem – mit vielen Höhen, Tiefen, Aufbrüchen und Enttäuschungen – dieses herauskristallisiert: Diese Art, Wirtschaft zu denken und zu leben, bringt Unternehmer, Wissenschaftler, Arbeitnehmer, Kleinstunternehmer und Menschen in schwierigen Lebensumständen zusammen. Sie schafft Netzwerke, die in der Wirtschaft den Menschen im Blick haben.
Genau das war auch Ziel einer mehrtägigen „Feier“ aus Anlass des Jubiläums. Vom 25. bis 30. Mai machten sich dafür 500 Personen aus 43 Ländern auf den Weg nach und durch Südamerika. Bevor sie abschließend zu einem zweitägigen internationalen Forum in Buenos Aires, Argentinien, zusammenkamen, besuchten sie zunächst drei Tage in kleinen Gruppen eine von 16 lateinamerikanischen Gemeinschaften, die sich in der WiG engagieren. Dort konnten sie auch Menschen begegnen, die in prekären Verhältnissen leben und die in und durch die „Wirtschaft in Gemeinschaft“ neue Perspektiven erfahren.
Aus der D-A-CH-Zone waren Elisabeth Lennes, Johannes Hirschmugl und Markus Ressl mit dabei. Die drei Unternehmer treffen sich in Wien und Umgebung regelmäßig mit anderen zum Austausch.
Während Markus Ressl die Tage vor und nach der zentralen Veranstaltung nutzte, um Betriebe zu besuchen, über die er vor 28 Jahren in seiner Doktorarbeit an der Uni geschrieben hatte, waren Elisabeth Lennes und Johannes Hirschmugl in San Miguel de Tucumán, kurz Tucumán, gut 1300 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires. Hier wurde 1816 die argentinische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet und entsprechend wird der 25. Mai auch in der Stadt groß begangen. „Gleich bei unserer Ankunft haben wir diese Feierlichkeiten miterlebt und so in Geschichte und Kultur hin-eingeschnuppert“, erzählt Elisabeth Lennes. Außer den beiden hatten auch Ulyana Shchurko, Wirtschaftsprofessorin aus Lviv in der Ukraine, und Antoine Lejeunne, Mitinhaber eines Landschaftsbaubetriebs in Frankreich, dieses Angebot ausgesucht. Und obwohl sie sich nicht kannten, haben die vier schnell zusammengefunden, so Elisabeth Lennes.
„Die Gemeinschaft von Tucumán hatte diese Tage super vorbereitet“, berichtet sie. „Zu Beginn haben sie uns bewusst in einen Golf-Club zum Mittagessen geführt. So bekamen wir einen Eindruck vom Leben der Wohlhabenden. Bei Tisch hat uns ein ehemaliger Wirtschaftsprofessor einen Überblick über die wirtschaftliche und soziale Lage gegeben.“ Neben der hohen Inflation ist das schlechte Bildungssystem ein Problem; wer einen schlechten oder gar keinen Abschluss hat, findet keinen Job. Das Netzwerk der „WiG“ in Tucumán besteht aus etwa 20 Personen.
Eine der Initiativen, die sie vor vier Jahren angestoßen haben, ist „Le Novedad“, eine kleine „Aktiengesellschaft“, an der sich viele mit wenig Kapital beteiligen können. Sie werden dadurch (Mit-)Eigentümer eines Bienenstocks, den Imker bewirtschaften.

„Schon die Fahrt zu einem der Imker war beeindruckend: über Landstraßen, dann Schotter- und Lehmwege zu einer einfachen Hütte ganz weit draußen. Trotzdem hat die Familie uns stolz in ihre Lehmhütte eingeladen.“ Der Mann hatte sich immer gewünscht, Imker zu werden, hatte aber zu wenig Geld, um sich mehrere Stöcke kaufen und davon leben zu können.
„Le Novedad“ hat das ermöglicht; er betreut mehrere, verkauft den Honig, hält den Kontakt zu den Bauern, die wiederum für gute Erträge auf die Bestäubung angewiesen sind. Die Erlöse des Honigverkaufs gehen nicht nur an die Imker und „Eigentümer“; daraus werden auch Stipendien unterstützt und neue Bienenstöcke finanziert. Insgesamt 140 Partner aus vier Ländern sind beteiligt; es werden mehr als 700 Bienenstöcke bewirtschaftet.
Eine weitere WiG-Initiative in Tucumán nennt sich „COAS“ und war Ziel am dritten Tag: „Zunächst war es sehr schwer nachvollziehbar, worum es ging“, gesteht Elisabeth Lennes. „Bis wir verstanden, dass Müll in Argentinien nicht getrennt gesammelt wird. Trotzdem gibt es erste Firmen, die Rohstoffe wiederverwerten. Oft sammeln Obdachlose deshalb Plastikflaschen oder Papier aus dem Müll und bekommen ein wenig Geld, wenn sie die abliefern. ‚COAS‘ ist der Versuch, das zu organisieren – durch Absprachen etwa mit McDonalds, wo Obdachlose nun den Müll trennen dürfen, oder mit Familien, bei denen sie den Abfall abholen. So bekommen die Obdachlosen einen abgesicherten Verdienst – müssen nicht mehr durch die Müllberge wühlen – und leisten einen nachhaltigen Dienst für die Gesellschaft; der Kontakt zu den Haushalten stärkt ihr Selbstbewusstsein und für diese bekommt die Not anderer ein Gesicht.“
Nachmittags waren die vier Gäste jeweils bei einer Stiftung in einem Slum zu Besuch. Dort lernen Kinder lesen und schreiben; deren Mütter finden einen Platz, wo sie sich treffen und gewisse Fertigkeiten erlernen können. „Ich dachte, dass sie uns dann ihre Produkte verkaufen wollen. Aber als ich nach dem Preis fragte, erklärten sie mir, dass alles unverkäuflich sei. Ich verstand, wie stolz sie darüber sind, dass sie etwas zustande bringen. Und das ist nicht mit Geld aufzuwiegen.“ Die verheiratete Fokolarin, die sie bei dem Besuch begleitete, hat Elisabeth Lennes am Ende des zweiten Nachmittags auch erzählt, wie wichtig es für die Frauen war, dass sie in Elisabeth eine Frau kennengelernt hatten, die in der Wirtschaft Verantwortung trägt.

Eine Veranstaltung an der Universität von Tucumán bot dann Gelegenheit, etwa 100 Personen die WiG vorzustellen und dabei auch das weltweite Netzwerk anhand der persönlichen Erfahrungen der vier europäischen Gäste „einem Querschnitt der lokalen Gesellschaft“ vorzustellen.
Dieses Netzwerk war dann bei der Tagung in Buenos Aires noch stärker fassbar: „Es war beeindruckend, die Erfahrungen aus vielen Teilen der Welt zu hören. Allen geht es darum, die Welt besser zu machen. Es geht immer um Geben und Empfangen“, resümiert Elisabeth Lennes. „Ja, die ‚Wirtschaft in Gemeinschaft‘ ist ein Lebenstil.“ Zu diesem haben sich die Teilnehmenden dann auch in einem weltweiten „Pakt“ verpflichtet: gemeinsam eine Kultur zu fördern, die menschliche Beziehungen auch in der Wirtschaft in den Vordergrund stellt. Diese Selbstverpflichtung wollen sie von nun an jedes Jahr am 30. Mai erneuern.
Ein Beitrag von Gabi Ballweg; Fotos: privat (Elisabeth Lennes)