Das Buch zum Schwerpunktthema „Gelebte Nähe – Gottes Stil“ ist anders als sonst. Wir sprachen mit Stefan Liesenfeld, dem Autor.

Wie kam es zu diesem Buch? Sonst war immer Chiara Lubich die Autorin …

… was eigentlich nur halb richtig war. Chiara sagte einmal, sie hätte selbst (fast) kein Buch geschrieben. Es waren fast immer Zusammenstellungen aus unterschiedlichen Zusammenhängen. Und seit ihrem Tod sind 17 Jahre vergangen! Wir merken, dass vieles ganz neu in den Blick zu nehmen ist. Themen, Fragen und Anfragen haben sich verändert. Das Ideal ist nichts Museales. Auch „die Dinge aus Rom“ sind nicht eins zu eins zu übernehmen. Rahmenbedingungen, Bedürfnisse und Sensibilitäten sind andere – eine große Herausforderung!

Wie ging es dir denn bei der Arbeit an dem Buch?

„Schon wieder?!“ war mein spontaner Gedanke, als ich von dem Thema hörte: schon wieder die Liebe?! 

Chiara kannte diese Reaktion übrigens auch, der Text steht im Buch! Doch je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto deutlicher wurde mir, wie viele spannende Fragen damit verbunden sind. Und wie viel Klärungsbedarf herrscht, auch unter uns. 

Es geht um Themen wie Nähe und Distanz, Nächstenliebe und Selbstliebe, menschliche und göttliche Liebe, um die Frage: Wer ist für uns „der Mensch“ – und was sind die Konsequenzen? Auch gesellschaftlich, politisch! Das war zumindest kurz zu streifen. Wir wollen ja nicht in einer kleinen „spirituellen Blase“ enden, nicht vorbeigehen an der Welt und an dem, wofür wir gemacht sind. Das haben „die Frommen“, der Priester und Levit, in Jesu Gleichnis vom barmherzigen Samariter getan: Sie haben nicht gesehen, was dran war. Sie haben den Menschen übersehen. 

Warum hast du vor allem Impulse von Papst Franziskus hinzugenommen?

Weil er Klartext spricht. Weil er die großen Themen benennt, die alle hautnah angehen: ökologische und ökonomische Fragen, Migration und Menschenwürde, Gerechtigkeit, Einsamkeit, eine menschliche Entwicklung in den gewaltigen Umbrüchen (Stichwort KI und Digitalisierung) – das alles behandelt er in prophetischer Deutlichkeit. Denn es gehört zu einer zeitgemäßen Nächstenliebe. Und das ist nicht „katholisch“ im konfessionellen Sinn, es ist zutiefst christlich, und das heißt: zutiefst menschlich. In den zitierten Texten nimmt er Maß an Jesu Botschaft für alle. Es ist exakt die Linie von Chiara, die wichtige, bleibende Impulse zu geben hat. Die Kernbotschaft aber muss je neu „gehoben“ werden. Was heißt es heute, die Einzelnen in die Mitte zu stellen und alle im Blick zu haben (Stichwort Vielfalt und Einheit)? Was heißt es, „den Verlassenen zu wählen“? Was tun wir gegen die Diskriminierung der Frauen, der Migranten, queerer Menschen? Wie sehr haben wir da umzudenken. Ich merke es bei mir. Wie viel haben wir zu lernen, auch von den Kindern! Weiter werden, das heißt aber gerade nicht, alles für gleichgültig zu halten: Jesus war sehr klar, wenn ihm Hartherzigkeit und (Vor-)Urteile begegneten.

Was treibt dich besonders um? 

Wie ungemütlich die globalen Entwicklungen sind; es gibt wirklich Grund zur Sorge. Und wie weit wir weg sind vom Denken Jesu; auch in der Politik, wo auch Parteien mit dem „C“ im Namen Positionen vertreten, die in Widerspruch stehen zu den Aussagen des Papstes und zu Chiaras Vision. Die Stimme des Evangeliums scheint häufig auf stumm geschaltet. Umso mehr sind wir einzeln und gemeinsam gefordert, Nähe à la Jesus zu leben. Und das kann auch jemand, der spürt, dass die Kräfte schwinden: Die Kraft der Liebe bleibt! Sie zeigt sich darin, wie wir denken und reden, wie wir andere mittragen, auch im Gebet, wie achtsam wir miteinander umgehen und uns Mut machen trotz allem, in allem. Mir kam der Vergleich mit der Steinschleuder, mit der David den Riesen besiegte. Nie war die Liebe mächtiger als in Jesu Ohnmacht am Kreuz. Das berührt mich sehr. Es ist die Kraft, die weitergehen lässt. 

Aus dem gedruckten Heft „mariapoli – Nachrichten der Fokolar-Bewegung“, 2/2025; Fotos: Verlag Neue Stadt