Am 20. Juni 2026 ist es ein Jahr her, dass Maria Voce Emmaus gestorben ist. Sie war von 2008 bis 2021 die erste Präsidentin der Fokolar-Bewegung nach dem Tod von Chiara Lubich. Wie hat sie die Einheit im Alltag gelebt?
Die Fokolarinnen, die zuletzt mit ihr zusammengelebt haben, erzählen einige Begebenheiten, die verdeutlichen, dass die unter allen Umständen gelebte gegenseitige Liebe die Grundlage für das Geschenk der Einheit ist.
Maria Voce Emmaus hat im Fokolar-Alltag auf einfache und fröhliche Weise das Evangelium gelebt und mit Intelligenz, Freiheit und Kreativität die Einheit aufgebaut.
Eine ihrer Eigenschaften beeindruckte sofort: Ohne Schemata oder vorgefertigte Lösungen versuchte sie, jede einzelne von uns mit Herz, Fantasie und Verstand so zu lieben, wie wir es uns wünschten. Jede war einzigartig, und sie nahm diese Tatsache ernst.
Eine von uns war es beispielsweise nicht gewohnt, Käse zu essen, als sie zu uns kam. Ein Detail, könnte man sagen. Doch nicht für Emmaus. Ohne großes Aufheben sorgte sie immer dafür, dass es bei den Mahlzeiten eine Alternative gab – und das nicht nur aus Aufmerksamkeit, sondern als Botschaft: Jede ist wichtig, so wie sie ist. Und das galt auch für unterschiedliche Ernährungsgewohnheiten oder Vorlieben. Sie respektierte sie mit einer Freiheit, die auch dem Raum gab, was vielleicht fraglich erscheinen mochte.
Mit Emmaus wurde wirklich alles möglich. Nicht durch großartige Programme, sondern durch ihre Fähigkeit, auf die tiefsten Wünsche zu hören und sie zu erfüllen. So wurde der Traum einer von uns, in ein englischsprachiges Land zu gehen, um die Sprache zu verbessern, auf überraschend unkomplizierte Weise zu ihrem Geburtstagsgeschenk. Emmaus hatte auch ein besonderes Gespür für die verschiedenen Kulturen, die im Fokolar vertreten waren. Sie schätzte sie nicht nur, sondern akzeptierte sie und würdigte sie mit tiefem Respekt. An einem traditionellen koreanischen Fest ermutigte sie eine von uns, es voll auszukosten: die Tracht anzuziehen und das Ritual traditionsgemäß durchzuführen, ohne Abstriche zu machen. Und Emmaus begnügte sich nicht damit, nur zuzuschauen. Sie machte mit und bereitete ein hübsches Tütchen mit einem Geldbetrag vor, wie es in Korea traditionsgemäß die Älteren gegenüber den Jüngeren tun. Damit drückte sie aus, dass jede Kultur ein Geschenk ist, das es zu bewahren gilt.



Sie verstand es auch, die Vorlieben jeder einzelnen zu entdecken und zu unterstützen. Denen, die kulturelle Veranstaltungen liebten, sagte sie nicht nur: „Geh doch hin, das ist schön!“ Sie informierte sich selbst über Veranstaltungen in der Umgebung, schlug sie vor, ermutigte dazu und ging mit. Es war, als würde sie die Träume anderer zu ihren eigenen machen.
Wenn es um Geschenke ging, dann war das keine bloße „Pflichtübung“. Sie waren durchdacht, sorgfältig ausgewählt und vorbereitet – konkrete Zeichen einer persönlichen Liebe, zum Beispiel eine bestimmte Uhr oder ein Spaziergang am Meer zum Geburtstag. Und das galt nicht nur für uns oder andere Fokolare, sondern auch für unsere Familien: Geschwister, Eltern, Neffen und Nichten.
Auch die Kunst war in unserem Fokolar präsent und half, die Einheit unter uns zu festigen. Oft haben wir gemeinsam gesungen – Emmaus kannte viele Lieder und Gedichte auswendig – oder kleine Theaterstücke aufgeführt. Unvergesslich ist das Stück, das wir zum Gedenktag „Mariä Namen” einstudiert haben: eine freie und fröhliche Neuinterpretation, die von Dantes „Göttlicher Komödie” inspiriert war. Wir haben es gemeinsam mit ihr und für sie aufgeführt. Sie verstand es, aus einem einfachen Moment eine tiefe Erfahrung mit Maria zu machen.
Im Grunde war das ihr Leben: Familie zu schaffen. Eine Begebenheit bringt das gut zum Ausdruck. An einem Sonntagnachmittag besuchten wir mit dem ganzen Fokolar spontan die gerade ans Zentrum gezogene verheiratete Fokolarin. Als diese über die Sprechanlage überrascht fragte, wer da sei, antwortete Emmaus ganz einfach und fröhlich: „Deine Familie!”
Ein anderes Mal rief Emmaus uns am Wochenende an und bat uns, sie an ihrem Urlaubsort zu besuchen. Als wir ankamen, hatte sie zu unserer Überraschung einige Kleidungsstücke gekauft, von denen sie glaubte, dass sie uns nützlich sein könnten. Und so war es auch: Wir probierten die Sachen an und teilten sie je nach Geschmack und Stil der einzelnen unter uns auf – mit jener Freude, die man erlebt, wenn Jesus in der Mitte ist!
Wenn wir auf unser Leben mit Emmaus zurückblicken, können wir sagen, dass Einheit keine abstrakte Idee ist, sondern Tag für Tag Gestalt annimmt. Sie erfordert, sich persönlich in die Beziehung zu den anderen einzubringen – bis ins Detail, mit den kleinen Aufmerksamkeiten und der Kreativität der Liebe. Emmaus hat es uns vorgelebt: Einheit ist möglich, wenn jeder liebt und sich geliebt fühlt.



Ein Beitrag der Fokolarinnen, die mit Emmaus im Fokolar gelebt haben. Auf den Fotos verschiedene Momente aus dem Alltag – © Archiv CSC Audiovision