Zum geschichtlichen und kirchlichen Kontext, in dem die ersten Fokolarinnen das „Wort des Lebens“ entdeckten.

Bei einem gemeinsamen Wochenende der Autorinnen und Autoren der Kommentare zum „Wort des Lebens“ hat Philippe Van den Heede (Exeget für das Neue Testament, Fokolar) einen Überblick über den historischen und kirchlichen Hintergrund gegeben, in dem sich die damals so außergewöhnliche Beziehung von Chiara Lubich zum Wort Gottes entwickelte. Der hier abgedruckte Text basiert auf der gesprochenen Version.

Der Kontext

Chiara lebte in einer Zeit, in der die Kirche vom Erbe der Gegenreformation geprägt war. Diese Epoche dauerte vom Konzil von Trient im 16. Jahrhundert (1545–1563) bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil, das vier Jahrhunderte später stattfand.

Das Konzil von Trient reagierte auf die Reformation Martin Luthers, legte aber auch den Grundstein für eine dringend notwendige Reform innerhalb der katholischen Kirche. Außerdem schlug es eine eindeutige Vision der Kirche vor: Sie sollte die Menschen in allen Lebensphasen mit Hilfe der Sakramente begleiten – von der Taufe bei der Geburt über die Erstkommunion und die Firmung bis zur Hochzeit und schließlich zum Tod.

Auch wenn diese Begleitung positiv zu bewerten war, hing ihre Umsetzung an der Rolle und Figur der Priester. Die in Seminaren geschulten Priester hatten die Aufgabe, den Katechismus zu lehren, Irrlehren zu bekämpfen, die katholische Lehre zu vermitteln und die Sakramente zu spenden. Dieses Kirchenverständnis basierte auf einer hierarchischen Struktur, in der der Priester im Mittelpunkt stand.

Dies hatte gravierende Folgen. Nach und nach festigte sich das Bild der Kirche als „ungleiche Gesellschaft”: Einseitig wurde die Macht der Hierarchie über das Volk Gottes betont, das vor allem zu Gehorsam und Passivität aufgerufen war. Papst Pius X. brachte dies in „Vehementer Nos” (1906) mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„[…] Die Kirche ist von Natur aus eine ungleiche Gesellschaft, also eine Gesellschaft, die aus zwei Klassen besteht: den Hirten und der Herde […]. Nur die Hirten haben das Recht und die Autorität […]. Die Mehrheit hat einzig die Pflicht, sich führen zu lassen und ihren Hirten als fügsame Herde zu folgen.” (vgl. https://www.vatican.va/content/pius-x/it/encyclicals/documents/hf_p-x_enc_11021906_vehementer-nos.html ; eigene Übersetzung)

Dieser Ansatz hatte Auswirkungen darauf, wie der Glaube gelebt wurde. Er war geprägt von Dogmen, scholastischer Theologie und kirchlichen Traditionen.

Für unser Thema ist die Reaktion der katholischen Kirche auf Luthers Prinzip ‚sola Scriptura‘ („Allein die Schrift zählt, nicht die Tradition der Kirche”) von großer Bedeutung. Weil man darin eine Gefahr sah, riet man in der katholischen Kirche von der persönlichen Lektüre der Bibel ab. Sie musste von einem Priester angeleitet werden. Die Bibel allein, ohne die Hilfe eines Priesters, zu lesen, konnte als „protestantisch“ und somit als gefährlich eingestufte Haltung ausgelegt werden.

In der Zeit der Gegenreformation zählten nur zwei Dinge: der Katechismus und die Moral; also: der „orthodoxe“ Glaube, der durch Katechismusunterricht vermittelt wurde, und das moralische Handeln entsprechend der Regeln der katholischen Kirche.

Exil der Heiligen Schrift

Bis zur Reformation war es verboten, die Bibel in die Volkssprachen zu übersetzen. Erst nach der Erfindung des Buchdrucks und der Übersetzung der Bibel ins Deutsche durch Martin Luther konnte sich das Wort Gottes weiter verbreiten – vor allem in der protestantischen Welt. In der katholischen Kirche war die Situation wie oben beschrieben anders. Dort herrschte eine gewisse Verschlossenheit: Allein das Lesen der Bibel konnte als gefährlich angesehen werden, als Abkehr vom wahren Glauben.

In Bezug auf die katholische Kirche kann man deshalb im 19. und 20. Jahrhundert von einem „Exil” des Wortes Gottes sprechen. Die Gläubigen hatten seit Jahrhunderten keinen direkten Kontakt mehr mit der Heiligen Schrift und konnten das Wort Gottes somit auch nicht für ihr Glaubensleben nutzen. (nach: E. Bianchi, La centralità della Parola di Dio, in: Il Vaticano II e la Chiesa, Brescia 1985, S. 159)

Trient im 2. Weltkrieg

Entstehung des Charismas

In diesem Zusammenhang beginnt nun die Erfahrung Chiaras mit dem Wort Gottes. Chiara und ihre ersten Gefährtinnen waren junge Frauen. Laiinnen. In einfacher, gleichzeitig revolutionärer Weise stellten sie das Wort Gottes in den Mittelpunkt ihres geistlichen Weges. Sie trafen sich regelmäßig, lasen im Evangelium, meditierten es und sprachen darüber. Vor allem aber lebten sie es in ihrem Alltag, auch in den Luftschutzkellern während des Krieges.

Im Evangelium begegneten sie Jesus, seiner Lehre und seinem Willen: Aus Liebe zu ihm entschieden sie sich, jedes Wort zu leben. In einer Notiz von 1986 erklärt Chiara: 

„[…] . Unser ganzes Bemühen galt dem Leben des Wortes. Das Wort Gottes war tief in uns eingedrungen und hatte unsere Mentalität verändert. Das Gleiche geschah bei den Menschen, die irgendwie mit uns in Kontakt waren. Diese neue Mentalität, die sich allmählich herausbildete, stellte unser bisheriges Denken, Wollen und Handeln, das dem der Welt entsprach, auf göttliche Weise völlig in Frage. Und das löste in uns eine Neu-Evangelisierung aus.“ (zitiert in: A. M. Baggio, La Parola come prassi, in: Chiara Lubich, NU 31 (2009/2), S. 182–193. eigene Übersetzung)

Das Neue und Originelle an der Erfahrung Chiaras und der ersten Fokolarinnen war, dass sie das Wort Gottes nicht nur persönlich – jede für sich – lebten, sondern es auch miteinander teilten. Jede erzählte, wie sie versucht hatte, einen Satz aus dem Evangelium in die Praxis umzusetzen. So entstand eine tiefe Gemeinschaft: Durch die andere empfing jede etwas von Gott.

Gott ließ sich damit nicht nur im persönlichen Gebet oder im religiösen Leben finden, sondern auch in den Anderen, in den täglichen Beziehungen. Chiara schreibt: „Das Wort zu leben war zu jener Zeit zweifellos eine Neuheit, aber es war vor allem das Teilen der Erfahrungen, die wir damit gemacht haben, das unsere Bewegung geprägt hat” (Chiara Lubich, L’unità e Gesù Abbandonato, Città Nuova, Rom 1984, S. 45.)

Das ist interessant! Das Besondere am „Wort des Lebens“ ist für Chiara der Austausch der Erfahrungen. Es geht demnach nicht nur darum, das Wort zu leben oder dass das Wort in uns lebt, sondern dass wir einander das schenken, was Gott uns durch das Leben des Wortes gegeben hat.

Man muss bedenken, wie neu das damals war: sich direkt an das Evangelium wenden, um es im täglichen Leben umzusetzen, gemeinsam, und dann auch noch die Erfahrungen damit auszutauschen. Noch dazu waren es junge Frauen! Das war eine echte Neuheit in der katholischen Kirche jener Zeit. 

Die Rückkehr des Wortes

Die von Chiara und ihren Freundinnen praktizierte Rückkehr zum Evangelium war äußerst originell. Sie war jedoch keine völlig isolierte Erfahrung, sondern Teil jener vom Heiligen Geist inspirierten Erneuerungsbewegung, die bereits in verschiedenen Teilen der Kirche im Entstehen begriffen war und zum Zweiten Vatikanischen Konzil führen sollte. So entwickelte sich in Italien die Katholische Aktion zur Förderung der Laien (immer unter priesterlicher Leitung), in Frankreich gewann die Spiritualität von Therese von Lisieux an Einfluss und es entwickelte sich die Ekklesiologie mit Autoren wie Chenu, Congar und de Lubac. In Deutschland traten Karl Rahner und andere in Erscheinung. Zur gleichen Zeit begannen katholische Gelehrte – vor allem in Frankreich, Belgien und Deutschland – die Bibel mit wissenschaftlicher Gründlichkeit zu studieren. (siehe G. Rossé, Una spiritualità ecclesiale)

Und dann der entscheidende Wendepunkt: das Zweiten Vatikanische Konzil. Mit der Konstitution „Dei Verbum“ wurde die Bibel den Gläubigen zurückgegeben und als Herzstück des Lebens der katholischen Kirche bekräftigt:

„Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offenstehen. […] Sie sollen daran denken, dass das Gebet die Lesung der Heiligen Schrift begleiten muss, damit sie zu einem Gespräch zwischen Gott und Mensch wird. Denn: ‚Ihn reden wir an, wenn wir beten; ihn hören wir, wenn wir Gottes Weisungen lesen.‘“ (Abs. 22 und 25)

Die Botschaft ist klar: Das Wort Gottes ist nicht nur für Theologen oder Geistliche da, sondern soll das spirituelle Leben aller Menschen bereichern. 

Für Chiara und ihre Freundinnen war das Lesen der Bibel kein Protest oder ein Aufbegehren gegen die In-stitution gewesen. Es war ein inneres Bedürfnis. Chiara hat von „Neu-Evangelisierung” gesprochen: zurückkehren zur Quelle der Offenbarung. Das Evangelium als Mittelpunkt des christlichen Lebens wiederentdecken – auch in seiner gemeinschaftlichen Dimension.

Heiligkeit für alle

Gemeinsam das Evangelium leben und sich gegenseitig von den eigenen Erfahrungen erzählen, bedeutete, die persönliche Beziehung zu Gott zu teilen und voneinander zu lernen. So blieb sie nicht im Inneren verschlossen, sondern wurde zu einer gemeinschaftlichen Erfahrung, die als Kirche gelebt wurde.

Besonders prägend für diesen Weg war ein Abschnitt aus dem Evangelium: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20).

Chiara und ihre Freundinnen entdeckten, dass der auferstandene Christus unter ihnen gegenwärtig war. So machten sie eine neue Erfahrung von Kirche – sie war nicht nur Institution, sondern lebendige Gemeinschaft, Geheimnis der Gemeinschaft.

Das gemeinsam gelebte Wort Gottes blieb nicht hinter Klostermauern, sondern gelangte auf die Straßen, in die Häuser und an die Arbeitsplätze und prägte das gesamte tägliche Leben. 

Diese Öffnung markierte einen Wendepunkt: Man wurde sich bewusst, dass Heiligkeit nicht Priestern, Mönchen oder Bischöfen vorbehalten war, sondern dass alle dazu berufen waren – in der Einfachheit des täglichen Lebens.

So wurde die alte Trennung zwischen „vollkommenen Christen” (den Ordensleuten) und „gewöhnlichen Christen” (den Laien) überwunden. Man entdeckte, dass jeder Getaufte zur Vollkommenheit der Liebe berufen ist, indem er seinen Alltag im Licht des Evangeliums lebt – mit all den Schwierigkeiten, Schmerzen, aber auch Freuden.

„Unsere Anfänge sind gekennzeichnet durch das Evangelium“, also durch das Wort Gottes, das, wie Chiara sagte, das „Wort des Lebens“ ist – im doppelten Sinne: Es schafft Leben und kann gelebt werden. In einem Brief aus der Anfangszeit schreibt Chiara voller Begeisterung über ihre Entdeckung: 

„Uns ist klar geworden, dass die Welt eine Aufbaukur mit dem Evangelium nötig hat. … Denn nur die Frohe Botschaft kann ihr das Leben wiedergeben, das ihr fehlt. Deshalb leben wir das ‚Wort des Lebens’.“ (Chiara Lubich, Briefe aus der ersten Zeit. Die Ursprünge einer neuen Spiritualität, Città Nuova, Rom 2010, S. 185.)

Ein Beitrag von Gabi Ballweg auf der Basis des Manuskripts von Philippe Van den Heede; Fotos: CSC audiovisivi und privat