Ein Workshop „Gewaltfreie Kommunikation“ in Münster am 19. September 2026.
Es klingt sperrig. Bedürfnisse. Ein Wort eher klobig wie elegant. Eher verboten wie erlaubt und legitim. Und was hat das mit mir zu tun? Habe ich Bedürfnisse? Das klingt so nach Mangel. Mir fehlt etwas. Ich habe Bedarf.
Er habe kein besseres Wort gefunden, erzählte Marshall Rosenberg einmal, das besser beschreibe, worum es da geht als eben „Bedürfnisse“. Rosenberg ist Amerikaner, Psychologe von Beruf, wurde 1934 in Canton, Ohio (USA) geboren und starb 2015 in Wasserfallenhof in der Schweiz im Alter von 80 Jahren.
Die Frage, warum Menschen immer wieder gewalttätig sind, brachte ihn dazu eine Methode zu entwickeln, die weniger gewalttätige Beziehungen ermöglichen soll: die „Gewaltfreie Kommunikation“. Abgekürzt wird sie GFK.
Zum Kennenlern-Tag in Münster am 19. September waren rund zwanzig Interessierte gekommen. Referentin Anne Gandini (Oelde) hat interessante Aussagen mitgebracht.
Da geht es um Schuldzuweisungen: „Es ist dein Fehler, dass wir in dieser finanziellen Misere sind.“ Es geht um „Sollen“ und „Müssen: „Du solltest deine Mutter öfter besuchen.“ Es geht darum, sich selbst zu bewerten: „Ich bin eine Niete.“ Und es geht darum, hinunterzuschlucken, was man sagen möchte: „Wozu darüber reden, interessiert doch eh niemanden.“
Bewerten, andere und sich selbst, das ist der erste Themenkreis. Ich finde ein Beispiel aus meinem beruflichen Alltag. Ein Kunde hat meinen Film über ihn kritisiert. Er käme nicht genügend ausführlich vor. Ich bin sauer und denke: „hätte er mir auch eher sagen können.“
Nächster Schritt: die „Vier-Schritte-der-GFK“ anwenden: Beobachtung, Gefühl, Bedürfnisse, Bitte. Also los. Beobachtung: der Kunde hätte gerne mehr Bilder von sich im Film. Gefühl: Ich fühle mich … frustriert, unzufrieden, enttäuscht, ratlos. Bedürfnisse: ich brauche … Vertrauen, Offenheit, Wertschätzung, Transparenz. Bitte: ich bitte ihn, mir zu sagen, welche Bilder er noch eingebaut haben möchte.
Weiter lerne ich, dass es zwei Arten von Gefühlen gibt: angenehme Gefühle, die entstehen, wenn meine Bedürfnisse erfüllt sind und unangenehme Gefühle, die entstehen, wenn Bedürfnisse nicht erfüllt sind.
Sind meine Bedürfnisse nicht erfüllt, stellen sich Angst, Wut und Ärger, Traurigkeit, Scham und Schuld, Verwirrung, Müdigkeit und Erschöpfung ein.
Sind meine Bedürfnisse erfüllt, erlebe ich Freude, Liebe und Verbundenheit, Interesse und Neugier, Ruhe und Gelassenheit.
Was für Bedürfnisse gibt es überhaupt – und welche davon habe ich? Eine Liste von GFK-Expertin Andrea Lohmann (Münster) hilft weiter.
Als mich Chaos im Keller aufregt, werfe ich einen Blick auf diese Liste, um zu verstehen, welches Bedürfnis dahintersteckt. Es sind gleich mehrere: Klarheit, Ordnung und Sicherheit. Harmonie und Schönheit spielt auch noch mit hinein.
Spannend finde ich die Aussage von Marshall Rosenberg, dass alle Menschen auf der Welt dieselben Grund-Bedürfnisse (nach Sicherheit, Verbindung, Autonomie, Sinn, Anerkennung, Ruhe) hätten. Unterschiedlich seien nur die Strategien, mit denen Menschen versuchten, ihre Bedürfnisse zu erfüllen.
So wird aus einem sperrigen Wort wie Bedürfnisse ein verbindendes Element zu anderen Menschen. Hätte schlechter laufen können.


Beitrag und Fotos von Hubert Schulze Hobeling.
